Wettkampf der Geschlechter "Sie sind doch auch ein Mann", sagte mir Jan Sobotta. "Sie müssen doch etwas dagegen haben, dass die Frauen aufsteigen. Dass sie sogar Chefinnen werden! So unberechenbar und emotional, wie sie sind. Das ist nicht gut. Für die Frauen selbst ist es schlecht. Sehen Sie nur all diese frustrierten Gesichter! Es bekommt ihnen nicht! Die Frauen leiden selbst darunter! Sie müssen befreit werden! Na, ich habe mein Teil getan." Im Regensommer 2002 traten in Mitteleuropa die Flüsse über die Ufer. Sie untergruben Straßen, knickten Eisenbahnbrücken und schwemmten stinkenden Schlamm in alte Städte. An einem Freitagnachmittag konnten die Angestellten eines bekannten Versicherungshauses in Dresden ihre Autos noch aus der Tiefgarage holen. Am Sonnabend wäre es nicht mehr möglich gewesen. Jan Sobotta, der am Abend des Freitag von einem dreitägigen Seminar zurückkehrte, das seine Führungsqualitäten in noch lichtere Höhen geschraubt hatte, musste feststellen, dass er das Garagentor nicht mehr trockenen Fußes erreichen konnte. Da er zu den Auserlesenen zählte, die einen Schlüssel zum Haupteingang besaßen, konnte er das verwaiste Gebäude dennoch betreten. Als er die Tür des Treppenhauses öffnete, um von oben in die Garage zu gelangen, sah er die braune Suppe bis zur halben Höhe der Stufen schwappen. Er hätte ein Floß bauen müssen, um dann durchs Schiebedach ins Aquarium seines Wagens zu klettern. Am folgenden Tag war das Wasser noch höher gestiegen. Sobotta suchte das Versicherungsgebäude auf. als ließe sich das Geschick seines Autos durch persönlichen Beistand noch wenden. Er hätte einen Taucheranzug gebraucht. Nur die drei obersten Stufen der Kellertreppe waren noch trocken. Er betrachtete die weißen Marmorfliesen der Eingangshalle und glaubte zum ersten Mal. die biblischen Schrecken der Sintflut zu verstehen. Den Gebäudeversicherungen winkte ein verlustreiches Jahr. Überrascht stellte er fest. dass der Fahrstuhl noch funktionierte. Er fuhr ins höchste Stockwerk, um den Untergang der Welt von oben zu betrachten. Die Gassen der Altstadt glichen venezianischen Kanälen. Helfer in Gummistiefeln balancierten über provisorische Stege. Schlauchboote mit Außenbordmotoren, Ruderboote und Kanus glitten an den Häusern vorüber. machten an Türen und Fenstern fest, übergaben Deckenstapel und Kartons voller Lebensmittel oder luden Menschen und Gepäck ein und fuhren zu den Landestellen an den Aufgängen zur oberen Stadt. Es war ein friedliches und heiteres Bild. Jan Sobotta dachte an den Platz im Garderobenschrank, an dem warm und trocken seine Kamera lag. Da fiel ihm eine exzellente Fotografin ein: Sonia Gerbaulet. eine Senkrechtstarterin in der Firma, deren angeblich in der Freizeit aufgenommene Fotos bereits einige Flure und Konferenzzimmer in der Führungsetage schmückten. Er ging in sein Büro und rief sie an. "Wissen Sie, was Sie sind?", fragte sie. "Ein Hellseher." Eine halbe Stunde später öffnete er ihr die verchromte Glastür des Haupteinganges und schloss hinter ihr wieder ab. "Nicht jeder hat einen Schlüssel", sagte sie mit schiefem Lächeln. "Nein", antwortete er. "Aber Sie werden auch bald einen bekommen. Eine Frau wie Sie kann einen ganzen Konzern rausreißen." Sie fuhren in die oberste Etage und stiegen die letzten stufen aufs Dach. Beim Blick auf die überschwemmten Promenaden und die neu geschaffenen Meere am anderen Ufer jauchzte sie vor Begeisterung. Dann begann sie mit einer langwierigen Serie von Fotos. "Sonia Gerbaulet war eine dieser abscheulichen Powerfrauen in Designerkostüm und täglich neu geföhnter Frisur", erzählte Jan Sobotta. "Sie sah einschüchternd gut aus, hatte einen blitzenden Blick und lachte mit mindestens zweiunddreißig bissfähigen Zähnen. Eigentlich kam sie aus dem Vertrieb, aber jetzt war sie dabei, ins Topmanagement aufzusteigen. Ihre Fähigkeiten ließen sich nicht bestreiten. Aber ein Mann wäre um diese Zeit nicht so weit damit gekommen. Sie war ein lebendiges Zeichen dafür, dass die guten Zeiten für Männer zu Ende gingen. Sie hatte Erfolg, und sie machte Karriere, weil sie eine Frau war." Ihr selbst gegenüber stellte Sobotta den Sachverhalt in anderem Licht dar. "Was diese Firma braucht", sagte er ihr, "ist eine Frau an der Spitze. Das wäre ein Signal. Damit stände uns die Zukunft offen." "Und Ihre eigene Zukunft?", fragte sie. "Ich hatte immer das Gefühl, Sie wollten selbst an die Spitze?" "Vor ein paar Jahren mag das so gewesen sein", antwortete er. "Inzwischen sind mir meine Kinder wichtiger. Wer ganz oben ist, hat kein Privatleben mehr. Es mag sentimental klingen, es mag auf altmodische Art sogar weiblich klingen, aber mir ist die Familie inzwischen wichtiger." "Alle Achtung." Sie nickte anerkennend und wohl auch überrascht, während sie den belichteten Farbfilm aus dem Apparat nahm und einen neuen einlegte. "Jetzt das Ganze noch mal in Schwarzweiß." Sobotta ließ nicht locker. Er musste sie auf das Thema des Geschlechterkampfes bringen. "Finden Sie nicht auch, dass es ganz gut ist, wenn die Männer mal die Rollen übernehmen, die immer die Frauen hatten? Und umgekehrt?" "Das geht doch gar nicht", sagte sie. Jan ärgerte sich. Genau diesen Satz hatte er sagen wollen. Nicht sie, sondern er musste die unabänderlichen Unterschiede herausstellen. Wenn der Dialog so weiterlief, Würde er sie unmöglich zu dem tödlichen Wettkampf auffordern können. "Nein", sagte er. "Das geht nicht. Weil Männer letzten Endes doch immer stärker bleiben. Physisch stärker." An ihrem ironischen Lächeln glaubte er zu erkennen, dass sie nun so weit war. Aber sie sagte: "Warum machen Sie sich so viele Sorgen darüber?" Sie war fertig mit ihren Fotos und packte die Kamera ein. "Lassen Sie uns lieber einen Kaffee trinken gehen. Haben Sie denn das Gefühl, Sie sind nicht stark genug?" "Doch, natürlich!", sagte er. "Nun brauchte er seine Gekränktheit nicht einmal zu heucheln. Ich kann es Ihnen sogar beweisen." Sie schüttelte den Kopf und lachte. "Mir müssen Sie nichts beweisen. Ich denke, Sie wollen sich um Ihre Familie kümmern?" "In dem Augenblick", erzählte mir Jan Sobotta, "kam ich mir wirklich dumm vor. Gerade hatte ich ein Management-Seminar besucht. schon war ich mit den Künsten meiner Gesprächsführung wieder am Ende. Deshalb habe ich gar keinen raffinierten Versuch mehr gemacht. Ich habe ganz einfach gesagt: Es mag Ihnen albern vorkommen. Frau Gerbaulet, aber ich möchte Sie zu einer Wette herausfordern. Dieses Gebäude ist sieben Stockwerke hoch. Ich wette mit Ihnen. ich bin zu Fuß eher unten als Sie mit dem Fahrstuhl." "Wollen Sie springen?", fragte sie. "Wir starten vor der Fahrstuhltür im siebenten Stockwerk. In dem Moment. wo die Tür sich schließt. flitze ich los. Sie werden sehen. unten in der Halle werde ich Sie empfangen. Etwas außer Atem zwar, aber als Erster. Weil Männer physisch stärker sind." "Lassen Sie Ihren Männlichkeitskomplex weg", sagte sie, sonst trinke ich keinen Kaffee mit Ihnen. Aber wenn Sie rennen wollen, meinetwegen. Ich will es nicht." Sie betrat den Fahrstuhl. "Ich bin startbereit", sagte Jan. Sie betrachtete ihn kopfschüttelnd: "Die ewigen kleinen Jungs." Er lachte ihr durch den Spalt der sich schließenden Türen noch zu. "Erster!", rief er albern. Dann startete Jan tatsächlich seinen atemberaubenden Lauf, nur nicht abwärts, sondern treppauf. Nicht weiter als bis zu jener Tür, hinter der sich die Steuerungsanlage für den Fahrstuhl verbarg. Er bewegte den Hebel, mit dem sich die kabineneigene Steuerung überstimmen lässt, in jene Stellung, die den Fahrstuhl unabwendbar in den Keller schickte. Er stellte sich vor, wie die Powerfrau Sonia Gerbaulet auf die Taste mit dem Buchstaben E einhämmerte, während immer nur der Buchstabe K leuchtete, und der Buchstabe K leuchtete hartnäckig, bis die dunklen Wasser der Elbe die Elektrik ertränkten. "Ich habe mich noch eine Stunde aufs Dach gesetzt", erzählte Jan Sobotta. "Ein Versicherungsmann will nun mal sichergehen. Erst dann habe ich den Hebel wieder in die gewöhnliche Stellung gebracht. Nun musste ich allerdings wirklich zu Fuß nach unten gehen. Und sie war tatsächlich als Erste angekommen. Aber ein Mann muss eine Frau auch mal gewinnen lassen, finden Sie nicht?" Sonia Gerbaulet wurde erst zwei Wochen später gefunden, als das Wasser abgelaufen und der Keller ausgepumpt worden war. Statt ihrer, die tatsächlich für einen Vorstandsposten vorgesehen war, wurde Sobotta in die Beletage berufen. Er bedauerte die tragischen Umstände seines überraschenden Aufstiegs, gelobte jedoch, das Andenken der Verblichenen ehrend zu bewahren.