1 - Der Pass Seine Wohnung in Bartoszyce, zwei Zimmer in einem seladongrünen Betonblock in der Warynski-Straße, hatte er aufgelöst. Die Möbel verkaufte er an eine sechzigjährige Lehrerin, die im Parterre wohnte und ihn nie mit der Frage belästigte: »Marek, was werden Sie jetzt tun?« Er hätte sie mit Schweigen davon überzeugt, dass er nicht zurückkehren würde, in die Geburtsstadt seines Vaters. Sie bezahlte für die Möbel, nur die Bücher wollte sie nicht haben. Er musste sie in Kartons zum Müllcontainer bringen, auch die Sakkos warf er weg. Ein letzter Blick in die Zimmer machte Marek klar, dass es für ihn in Bartoszyce nichts mehr zu tun gab. Er ging raus auf die Straße und ließ den Schlüssel in einen Gully fallen. Dann fuhr er mit dem Bus nach Stopki, einem Dorf am Fluss Lyna, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt. Auf den Feldern lag der kalte Herbst. Die Krähen schrien in den Bäumen, stürzten sich auf die Erde und fraßen die Reste der Ernte. Sie flogen über Marek hinweg, scheuchten ihn bis zum Wald, den Weg entlang, der zwischen den Bäumen hindurchführte und am Flussufer endete. Dort standen Bauernhäuser in blasser Stille. Marek hatte nur zwei Dinge mitgenommen: den Garderobenspiegel und einen Lederkoffer, der leer war, weil ihm nichts eingefallen war, was er hätte einpacken sollen. Er ging zum Steg, auf dem er sich mit Bogdan und dessen Schwester Natalia verabredet hatte. Unter ihm glänzte braun der Fluss. Marek stellte seine Sachen ab und küsste Natalia die Hand. Bogdan lachte, breitbeinig stand er da, umarmte Marek und klopfte ihm auf den Rücken. »Junge, was willst du mit dem Spiegel?«, fragte er. »Den wollte niemand haben«, sagte Marek. »Wie lange ist es schon her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben ? Fünf oder sechs Jahre ? « »Vielleicht noch länger«, sagte Marek. Er sah Natalia an und stellte sich vor, wie diese muskulöse, große Frau mit einem Rechen zwischen den Beeten ging. Von dem Kind, das er gut gekannt hatte, war nichts mehr wiederzuerkennen - die großen grünen Augen, die hohen Wangen, die lange Nase, die Marek so sehr bei Frauen liebte. Er ärgerte sich, dass er keinen Anzug mehr aus schwarzem Stoff besaß, und ein blaues Hemd da zu. Er stellte sich vor, dass hier an den Samstagen große Feste veranstaltet wurden und die Männer in schwarzen Anzügen in das Feuerwehrhaus kamen und die Mädchen zum Tanz baten und sich betranken. Bogdan und Natalia zeigten ihrem Gast die Holzhütte, die am Ufer lag, verdeckt von Birken und Erlen. Zwanzig Schritte vom Hauptweg ab, dann war man da. Es gab nur einen Raum, ein einfaches Zimmer, in dem alles untergebracht war: eine Kochnische, ein Holzbett, ein Bücherregal, ein Kleiderschrank und ein Tisch. An den Wänden hingen gegerbte Felle von Wildschweinen und Bilder vom Fluss, gemalt von Natalia. Toilette und Dusche hatte man angebaut. Ihr Eingang war draußen. »Du wirst es hier gut haben«, sagte Bogdan. »Jetzt solltest du aber unsere Alten begrüßen!« Sie gingen zum Haus der Eltern, und als Marek eintrat, schlug ihm der Geruch von alten Pfannen und Töpfen, von Knoblauch und von selbst gebranntem Schnaps entgegen. In der Küche hielt er Ausschau nach etwas Vertrautem, blieb lange stehen und wartete auf die eine Frage von Natalia: »Marek, warum bist du gekommen?« Er hatte seit Jahren keine Frau mehr gehabt und war wie besessen davon, Lippen und Brüste zu küssen, die Haarspange und den Kamm zu suchen, die feuchten Handtücher aufzuhängen und den Geruch des Herbstes ständig um sich zu haben. Er schwieg und hörte dem langen Bericht der Mutter zu, die den Tisch deckte, ihn dabei anblickte und mit ihren schwarzen Augen kontrollierte, ob er sich für ihre Geschichte wirklich interessierte: Natalia war viel jünger, als Marek angenommen hatte - erst in diesem Sommer war sie zwanzig geworden. Sie studierte Pädagogik in Olsztyn und kam nur in den Ferien nach Stopki oder manchmal auch am letzten Freitag des Monats und blieb mit Bogdan und den Eltern zu Hause und lernte für die Prüfungen oder pflegte ihren Vater, der, durch Morbus Bechterew für immer ans Bett gefesselt, die Bibel las und sich Notizen machte, von morgens bis abends, immer im Schlafanzug, in der durchgeschwitzten Bettwäsche. Nur zu den Mahlzeiten stand er auf. Am Sonntag arbeitete niemand im Dorf. Die jungen Männer schliefen ihren Rausch aus, und die Frauen kochten Suppen aus Hühnern und Rindsknochen und bereiteten Schnitzel und Frikadellen für die nächste Woche vor. Das Dorf war berühmt für seine Pferdezucht. Auch Bogdan züchtete Pferde, die später auf der Rennbahn ihren neuen Besitzern viel Geld einbringen sollten. Sie tranken Kaffee. Bogdan gab Marek den Schlüssel für die Holzhütte und erklärte ihm, dass der Kocher und die Töpfe in dem blauen Schrank mit der Gasflasche verstaut wären. »Du musst mir helfen«, sagte Marek. »Mach dir keine Sorgen«, sagte Bogdan, »ich kenne den Offizier im Passamt in Bartoszyce, diesen alten Fettsack. Er ist herzkrank und braucht Tropfen aus dem Westen. Ich werde zu ihm fahren und nach deinem Pass fragen. Da lässt sich bestimmt was machen.« »Meine Eltern werden mir Geld aus Deutschland schicken. Ich weiß nicht, wie viel, aber sicherlich genug.« Marek konnte sich nicht richtig konzentrieren. Er malte sich aus, wie er im Bett in der Holzhütte liegen und von Natalia träumen würde. Er versuchte, diese Gedanken weit von sich zu weisen. Er bat die Mutter um noch eine weitere Tasse Kaffee. »Was meinst du, wie viel wird das kosten?«, fragte er. »Der Offizier verlangt zweitausend Dollar für einen Pass«, sagte Bogdan. »Ich warte schon seit vier Monaten auf die Ausreise. Jetzt musste ich meine Wohnung aufgeben. Ich habe alle Verträge gekündigt. Und zur Arbeit gehe ich auch schon lange nicht mehr. Die Pumpenfabrik war kein schlechter Platz für mich. Ich habe im Büro gearbeitet, die Gehälter ausgezahlt und die Weihnachtsfeste organisiert. Am dreizehnten Dezember haben mich die Soldaten abgeholt. Nach drei Monaten Internierungslager bin ich dann ins Büro zurück.« »Ich weiß«, sagte Bogdan, »von deiner Tätigkeit in der Gewerkschaft habe ich gehört.« »Ich habe mir nichts vorzuwerfen.« Natalia sprach nicht mit Marek. Er dachte, ihre Stimme soll ein Rätsel bleiben. Er wollte Natalia nicht sprechen hören, wollte sich dieses Geschenk für die Nacht in der Holzhütte aufheben, dann würde er an diese Stimme denken und dabei einschlafen. »Natalia«, sagte die Mutter. »Bogdans Freund ist Musiker, genauso wie dein Onkel Zefiryn aus Bartoszyce. « Dabei hatte Marek schon seit vier Jahren keine Orgel mehr gespielt, sonntags kein Konzert in der Kirche mehr gegeben. Nachdem sein Sohn am Tag der ersten Kommunion mit dem Fahrrad tödlich verunglückt war, schwor er sich, nie wieder zu spielen. Mareks Frau, eine Ärztin, hatte sich von ihm scheiden lassen. Sie hatte vor Gericht gesagt: »Du Orgelspieler, statt auf dein Kind aufzupassen, hast du in deinem Büro getrunken und die Forderungen der Arbeiter niedergeschrieben. Euer Streik ist unsere Trennung!«