Siegfried Lenz: Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur I Als die großen Erzähler noch Analphabeten waren, schien die Zukunft der Literatur gesichert. Mündlich, nur mündlich gaben die Meister des gesprochenen Worts, die Überlieferer, weiter, was sie erlebt und gehört hatten, was ihnen zugetragen oder geoffenbart worden war. Ihre Autorität war nicht geringer als die eines schreibkundigen Sumerers oder eines altägyptischen Bibliothekars; denn sie verwalteten, bewahrten und vermittelten das Wissen der Welt aus dem Gedächtnis. Wie man den Götterzorn vermeidet; was vom Lesen der Fährten abhängt; wie man sich in seiner Weltangst einrichtet; wie man Verhängnisse überlebt und seinen Traum von Glück und Beute einlösen kann: sie wußten es, und sie veranschaulichten es in beispielhaften Erzählungen. Mündlich überlieferten sie den Fundus menschlicher Erfahrung. Und das Überlieferte blieb keineswegs nur ortsgebunden, ging durchaus nicht in lediglich provinziellem Wissen auf. Es wanderte davon, wurde unterwegs angereichert, erweitert, verwandelt und wurde von einem fremden Erzähler aufgenommen, der dem Ereignis eine neue Nähe gab, seine eigene Nähe: Der Jäger des Nordens fand in der Geschichte eines entlegenen Jagdzaubers sein Gleichnis. Anscheinend konnte auch mündlich überlieferte Literatur – bedenkt man die Wanderschaft archetypischer Konflikte – zu begrenzter Weltliteratur werden. Auch wenn die noch keine Leser fand, an bereitwilligen Zuhörern schien es ihr nicht gefehlt zu haben; und zwar an Zuhörern, die sich, nimmt man alles in allem, im Hinblick auf ihre Erwartungen und Hoffnungen mit den Lesern eines Buches vergleichen lassen. Unterhaltung, das ist gewiß, erwarteten sie allemal, und unwillkürlich auch eine Bereicherung des Wissensstandes, denn der Erzählende brachte die Welt in die Hütte, ins Zelt. Indem er unbekanntes Schicksal beschwor, lud er aber auch zum Vergleich ein. Hört, was der berühmte Schiffbrüchige erdulden mußte, und haltet eure eigenen Mißgeschicke daneben. Gesprochene Literatur erweckte Anteilnahme und trug zur Aufklärung bei, sie erschütterte, erheiterte und verstörte und lieferte, wo es verlangt wurde, genußreiches Schaudern. Sie reichte jedenfalls aus, um eine neue, vielleicht sogar kritische Sicht des Lebens zu ermöglichen. Damit sie dies aber ermöglichen konnte, war sie auf die nachschaffende Phantasie des Zuhörers angewiesen – eine Bedingung, die auch der Leser erfüllen muß, um einem Text zur Wirkung zu verhelfen. Gleichviel, ob gehört oder gelesen: die Bedeutung für das Wahrgenommene wird im Kopf erteilt, wobei wir uns darüber im klaren sind, daß gesprochene Literatur einmalig ist, sie erreicht uns, selbst in der Variation, als Original. Zurückblättern ist nicht möglich, endlose Interpretation, die den ursprünglichen Erzählkern entrückt, will nicht glücken. II Ein für allemal gesichert glaubte man die Zukunft der Literatur durch die Erfindung des Buchdrucks. Gutenberg, der die Typenstempel zunächst aus Holz schnitt, später dann härteres Metall verwandte, um durch ein Einschlagen der Typen in entsprechend weiches Metall eine Art Matrize herzustellen – Gutenberg, der Erfinder der Schriftgießerei und der Druckpresse, hatte, so durfte man annehmen, der Literatur zu problemlosem Überdauern verholfen. Das Buch belegte die Existenz der Welt, es beantwortete die Fragen, die der Einzelne an das Leben stellte. Man konnte es erwerben, verschenken, konnte es auch wiederverkaufen, denn was sich bereits vor Gutenberg zaghaft zu erkennen gab: ein gewisser Marktwert des Buches wurde nach seiner Erfindung immer gewisser, kalkulierbarer. Durfte der mündliche Überlieferer von Geschichten nur auf die Generosität seiner Zuhörer hoffen, so verständigten sich Käufer und Verkäufer eines Buches auf den kalkulierten Preis. Der Wert war so unbestritten, daß selbst Geldverleiher den Besitz von Büchern als Sicherheit anerkannten. In seiner »Geschichte des Lesens« hat Alberto Manguel gezeigt, daß der Buchhandel als Wirtschaftsfaktor schon im 15. Jahrhundert erstaunlich etabliert war: Auf den Handelsmessen in Frankfurt und Nördlingen wurden Bücher als ordentliche Ware gehandelt. Daß gedruckte Literatur zum Kauf auslag, bedeutete aber noch keineswegs, daß sie jedermann zugänglich war. An Literatur teilzuhaben stellte lange ein Privileg dar, stand für besondere Lebensart und herausragenden sozialen Status. Ein Arbeiter, der damals zum Kauf eines Buches etwa ein Viertel seines Monatsverdienstes hätte aufwenden müssen, sah sich, wenn er es denn gewollt hätte, von einer Teilhabe ausgeschlossen. Die Voraussetzungen, die Gutenberg schuf, kamen zwar der enormen Verbreitung von Literatur zugute, doch mit ihr leben konnten nur die, die es sich leisten konnten. Sie aber verhalfen der Literatur zu unerwarteter Blüte. Die Freiheit des Lesers wurde entdeckt. Der Deutungseifer feierte Triumphe. Die gedruckten Angebote eines Autors wurden als Anlaß genommen, sich selbst zu erörtern: die eigenen Taten und Unterlassungen, die Leidenschaften und Melancholien, das Befinden in der Welt. Literatur als wunderbare Möglichkeit, etwas durch ein anderes darzustellen, Nähe aus der Ferne zu gewinnen, wurde unentbehrlich. Niemals hätten sich ein humanistischer Literaturinterpret oder ein Buchliebhaber des 19. Jahrhunderts vorzustellen gewagt, daß es mit der geschriebenen Literatur ein Ende haben könnte. Da schon die Religionen nicht auf das Bild, sondern auf den Buchstaben setzten, konnte erwartet werden, daß dem Buch keine ernsthafte Konkurrenz erwachsen könnte; der Himmel schien mit ihm zu sein.