„Wenn auf den Gräbern aller Ermordeten ein Lichtlein stünde, wären die Friedhöfe hell erleuchtet." (Sentenz aus dem Erfahrungsschatz von Todesermittlern) 1998 erschien eine kurze Meldung in verschiedenen deutschen Tageszeitungen: „Jeder zweite Mord bleibt unentdeckt". Eine Nachrichtenagentur hatte die alarmierende Information auf einer Tagung von Rechtsmedizinern aufgeschnappt und an die Medien weitergegeben. Für Sabine Rückert war sie Anlass genug, sich auf Recherche zu begeben, und die führte sie in die Leichenkeller der Republik und in die Abgründe der staatlichen Todesermittlung. Monatelang sprach sie mit Richtern und Ärzten, Rechts- und Staatsanwälten, Kriminalisten und Kriminologen, mit Hinterbliebenen und Tätern. Sie schreibt: „Ich stieß auf Mord, von dem keiner wissen will, und Totschlag, vor dem die Menschen die Augen verschließen. Und am Ende habe ich begriffen, was Fachleute und Ermittler meinen, wenn sie sagen: ,Tote haben keine Lobby.' Dieses Buch ist entstanden, damit sich das ändert. ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar', formuliert Artikel 1 des Grundgesetzes. Und doch gilt das nur für Lebende. Die Würde des Menschen hört mit seinem Tod häufig auf. Denn Tote sind tot. Sie interessieren nicht." Das, was die Autorin herausgefunden hat, bestätigt die oben angeführte Meldung: Der gewaltsam herbeigeführte Tod wird häufig gar nicht als solcher erkannt, und das liegt nicht daran, dass wir es mit besonders raffinierten Mördern zu tun haben, sondern am „staatlichen System des Nicht-wissen-Wollens". Ein Sachbuch über die Misere der Rechtssicherheit, das die Nerven kitzelt und unter die Haut geht. Die Autorin: Sabine Rückert, geboren 1961 in München, Studium der Kommunikationswissenschaft, Theologie und Markt- und Werbepsychologie, war – nach ihrer Ausbildung zur Journalistin (unter anderem fast anderthalb Jahre bei der Bild-Zeitung) – 1991 Nachrichtenredakteurin bei der taz Berlin und arbeitet seit 1992 als Reporterin und Redakteurin im Dossier der Zeit.